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Das Klischee vom „verrückten Genie“: Aktuelle Studie zu Vorstellungen über Hochbegabung

04.04.2016

Die meisten Studien zu Hochbegabung zeigen, dass sich Hochbegabte und durchschnittlich Begabte in sozialer und emotionaler Hinsicht sehr ähnlich sind. Trotzdem hält sich in den Köpfen der Deutschen nach wie vor das Klischee, dass Hochbegabte sozial schwierig und emotional labil sind. Das zeigt eine aktuelle Studie, in der 1029 erwachsene Deutsche zu ihren Vorstellungen über Hochbegabte befragt wurden. Die in der Fachzeitschrift „Frontiers in Psychology“ veröffentlichten Ergebnisse lassen sich zu zwei Klischees über Hochbegabte zusammenfassen.

„Das Klischee, dass Hochbegabte sozial schwierig und emotional labil sind, hält sich nach wie vor hartnäckig. Dabei zeigen einschlägige Studien, dass Hochbegabte auch nicht verrückter sind als der Rest der Menschheit“, sagt Tanja Gabriele Baudson, Psychologin an der Universität Duisburg-Essen. In einer aktuellen Untersuchung ist die Hochbegabungsforscherin Baudson der Frage nachgegangen, welche Stereotype die Deutschen über Hochbegabte haben, wie verbreitet sie sind und wovon es abhängt, welchem Stereotyp man anhängt.

Erstmalig repräsentative Befragung von rund 1000 deutschen Erwachsenen

Für die Studie wurden 1029 erwachsene Deutsche zwischen 18 und 69 Jahren zu ihren Vorstellungen über Hochbegabte befragt. Die Stichprobe war hinsichtlich des Alters, Geschlechts und der regionalen Verteilung repräsentativ.

Mittels eines Fragebogens wurden demographische Daten (Geschlecht, Alter, Bundesland, Bildungsniveau, monatliches Nettoeinkommen, Familienstand und Größe des Haushalts) erfasst. Die Befragten beurteilten ihre eigene Intelligenz, die Gefühle, die das Wort „Hochbegabung“ in ihnen hervorruft, ihr Interesse am Thema Hochbegabung und ob sie hochbegabte Personen kennen. Außerdem beantworteten sie Fragen zu fünf Aspekten, die Hochbegabten zugeschrieben werden: (1) hohes intellektuelles Potenzial, (2) hohe Leistung, (3) generelle Überlegenheit, (4) Schwierigkeiten im sozialen Umgang, (5) emotionale Probleme. Die Probanden beantworteten die Fragen auf einer fünfstufigen Skala von „stimme gar nicht zu“ bis „stimme voll zu“.

Zwei Drittel der Befragten folgen dem negativen Stereotyp

Diese fünf Aspekte wurden einer latenten Profilanalyse unterzogen, um „Typen“ von Beurteilern zu identifizieren. Die Ergebnisse legen nahe, dass es im Wesentlichen zwei Urteilstypen gibt, denen sich die Befragten zuordnen lassen. Beiden ist gemeinsam, dass sie Hochbegabung mit hohem intellektuellem Potenzial und hoher Leistungsfähigkeit verbinden. Nur ein Typus schreibt Hochbegabten jedoch außerdem zu, dass sie schwierig im sozialen Umgang sind und emotionale Probleme haben. Dieser als „disharmonisch“ bezeichnete Urteilstyp zeigte sich bei zwei Dritteln der Befragten. Der „harmonische“ Urteilstyp hingegen, der Hochbegabte „nur“ als intelligenter und leistungsstärker ansieht, zeigte sich bei einem Drittel der Befragten.

Wer ist anfällig für das negative Stereotyp?

Ob jemand eher dem harmonischen oder dem disharmonischen Stereotyp anhängt, ist unabhängig davon, wie intelligent er oder sie sich selbst einschätzt. Auch hat es keinen Einfluss, ob man selbst einen Hochbegabten kennt. Die weiterführende Analyse zeigt außerdem, dass Männer, Alleinerziehende, Arbeitslose, Menschen mit höherem Einkommen sowie Personen, bei denen der Begriff Hochbegabung negative Gefühle weckt, eher zum disharmonischen Klischee neigen. „Die Effekte dieser Einflussfaktoren sind allerdings nicht sehr groß. Obwohl einige demographische und psychologische Prädiktoren identifiziert wurden, blieb viel Varianz unaufgeklärt. Das macht es notwendig, in zukünftigen Studien genauer zu untersuchen, wie sich die Stereotype entwickeln und was sie aufrechterhält“, fasst Tanja Gabriele Baudson zusammen.

„Die Darstellung Hochbegabter in den Medien entspricht überwiegend der Disharmonie-Hypothese – und möglicherweise prägt das die Sicht der Öffentlichkeit auf Hochbegabte“, sagt Tanja Gabriele Baudson. „Dieses Bild sollte von Wissenschaftlern, Praktikern und den Medien korrigiert werden. Wenn wir keine voreiligen Rückschlüsse von besonderen Fähigkeiten auf soziale und emotionale Defizite ziehen, dann hilft das nicht nur Hochbegabten ihre Fähigkeiten umzusetzen, sondern auch der Gesellschaft, von diesen besonderen Fähigkeiten langfristig zu profitieren.“

 

Die Originalstudie finden Sie hier:

Baudson, T. G. (2016). The mad genius stereotype: Still alive and well. Frontiers in Psychology, 7, 368. doi: 10.3389/fpsyg.2016.00368

Online verfügbar unter: journal.frontiersin.org/article/10.3389/fpsyg.2016.00368/full

 

 

Das Projekt wurde gefördert durch:
Die Studie entstand in Zusammenarbeit mit Mensa in Deutschland e. V. Der Verein hat die Untersuchung im Zuge seiner Bemühungen um hochwertige Begabungsforschung auch finanziert.

 

Kontakt bei Rückfragen:

Dr. Tanja Gabriele Baudson
Universität Duisburg-Essen
Institut für Psychologie
Universitätsstr. 2
45141 Essen
Email: tanja.baudson(at)uni-due.de

DGPs-Pressemitteilung_-_05-04-2016.pdf

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