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Bildungsfragen in der Flüchtlingskrise: wie eine gute Integration gelingen kann

02.12.2015

Nachgefragt: Die DGPs im Interview mit der Psychologin Prof. Dr. Petra Stanat, Direktorin des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen und Leiterin der Abteilung "Bildung und Integration" am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung.

Frage: Wie kann gute Integration in den Schulen und Kindergärten gelingen? Was sind Wegbereiter dafür, dass ein gutes gemeinsames Lernen stattfinden kann?

Prof. Stanat: Gute Integration im Bildungssystem hängt zum einen von den Lernvoraussetzungen ab, die Kinder und Jugendliche mitbringen, und zum anderen von der Qualität der Förderung und Unterstützung, die sie in Kindergärten und Schulen erhalten. Zugewanderte Familien und ihre Kinder haben oft hohe Erwartungen – sie wollen im Aufnahmeland erfolgreich sein und sind entsprechend motiviert. Je nachdem, wie alt die Heranwachsenden zum Zeitpunkt der Zuwanderung sind und wie anregungsreich ihr familiäres Umfeld ist, bringen sie zudem schulbezogenes Vorwissen mit, an das angeknüpft werden kann. Gute Integration setzt voraus, dass dieses motivationale und kognitive Potenzial vom Bildungssystem erkannt und aufgegriffen wird, was wiederum eine effektive und effiziente Sprachförderung erfordert. Was nicht passieren darf ist, dass zugewanderte Schülerinnen und Schüler aufgrund ihrer mangelnden Sprachkenntnisse scheitern. Dies würde Chancen ungenutzt lassen und Frustration auslösen – sowohl auf Seiten der Zugewanderten als auch auf Seiten der Aufnahmegesellschaft. Und natürlich darf nicht vergessen werden, dass Kinder aus Flüchtlingsfamilien oft traumatisiert sind. Erfolgreiche Integration setzt auch voraus, dass diese Kinder dabei unterstützt werden, ihre Erfahrungen zu verarbeiten.

Frage: Gibt es Erfahrungswerte, wie schnell Kinder und Jugendliche, die eine deutsche Schule oder einen deutschen Kindergarten besuchen, Deutsch lernen?

Prof. Stanat: Diese Frage lässt sich so pauschal nicht beantworten. Wie schnell die deutsche Sprache erworben wird, hängt unter anderem vom Lebensalter der Heranwachsenden ab – je jünger ein Kind zum Zeitpunkt der Zuwanderung ist, desto schneller wird es in der Regel Deutsch lernen. Aber auch das in der Herkunftssprache erreichte Kompetenzniveau kann den Zweitspracherwerb beeinflussen. Einem Schüler, der im Herkunftsland bereits ein solides Konzeptwissen erworben hat, wird es in der Regel leichter fallen, dieses in eine neue Sprache zu übertragen und weiterzuentwickeln. Wenn ich zum Beispiel das deutsche Wort „Dreieck“ lernen soll, macht es eben einen Unterschied, ob ich geometrische Konzepte schon kenne oder noch nicht. Auch ob ein Kind oder ein Jugendlicher in der Herkunftssprache bereits alphabetisiert wurde und wie umfangreich seine Erfahrungen mit der Buch- und Lesekultur sind, wird einen Einfluss auf die Zweitsprachentwicklung haben. Mit anderen Worten: es hängt sehr stark vom Einzelfall ab, wie intensiv und wie lange ein Kind oder ein Jugendlicher sprachlich gefördert werden muss. Hinzu kommt, dass die sprachlichen Anforderungen mit fortschreitender Bildungslaufbahn ansteigen. In aller Regel wird es daher erforderlich sein, auch nach einer intensiven Anfangsförderung, etwa in sogenannten Willkommens- oder Vorbereitungsklassen, die bildungssprachliche Entwicklung weiterhin zu unterstützen.

Frage: Sind Schüler in Klassen mit Flüchtlingskindern gegenüber Schülern in Klassen ohne Flüchtlingskinder benachteiligt, lernen sie langsamer oder schlechter dadurch, dass sie gemeinsam mit Kindern ohne Deutschkenntnisse unterrichtet werden?

Prof. Stanat: Wir wissen aus einer ganzen Reihe von Studien, dass in Klassen mit einem hohen Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Zuwanderungshintergrund tendenziell geringere Leistungen erzielt werden. Dies lässt sich aber vollständig auf die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft zurückführen. Entscheidend ist also nicht, ob viele Kinder bzw. deren Eltern zugewandert sind, sondern wie viele Kinder aus eher bildungsfernen Familien stammen. Ich vermute, dass sich diese Ergebnisse auch auf die aktuelle Flüchtlingssituation übertragen lassen. Viele der geflüchteten Familien sind bildungsorientiert und haben hohe Erwartungen für ihre Kinder, was sich sogar positiv auf die Lehr-Lernsituation in der Klasse auswirken sollte. Damit sich dieses Potenzial entfalten kann, müssen die Schülerinnen und Schüler allerdings effektiv dabei unterstützt werden, die sprachlichen Hürden, mit denen sie konfrontiert sind, zu überwinden.

Frage: Gibt es bereits didaktische Konzepte, die eingesetzt werden, zum Beispiel in Einzugsgebieten, in denen viele Schüler mit Migrationshintergrund unterrichtet werden?

Prof. Stanat: In den Bundesländern werden verschiedene schulorganisatorische Modelle umgesetzt, die sich darin unterscheiden, inwieweit zugewanderte Schülerinnen und Schüler in getrennten Klassen unterrichtet werden oder am Regelunterricht teilnehmen. Insbesondere in der Sekundarstufe ist inzwischen die Praxis verbreitet, dass zunächst eine intensive Sprachförderung in separaten Klassen erfolgt, wobei für einzelne Fächer eine Teilnahme am Unterricht in der Regelklasse vorgesehen sein kann. Auf diese Weise wird versucht, sowohl die sprachliche als auch die soziale Integration der Schülerinnen und Schüler zu unterstützen. Wie die Schüler didaktisch gefördert werden, wird allerdings weitgehend den Lehrkräften überlassen. Zwar existieren theoretisch fundierte Vorstellungen darüber, wie eine Zweitsprachförderung angelegt sein sollte, um effektiv zu sein. Belastbare Befunde zur Frage, was tatsächlich wirksam ist, liegen bislang jedoch nicht vor.

Frage: Welche Rahmenbedingungen sollten Ihrer Ansicht nach geschaffen werden, damit ein gemeinsames Lernen erfolgreich ist?

Prof. Stanat: Aus der Forschung wissen wir, dass strukturelle Rahmenbedingungen nur sehr bedingt prädiktiv sind. Letztlich hängt es von der Qualität des Unterrichts ab, inwieweit Schülerinnen und Schüler die angestrebten Leistungen erzielen. Angesichts der aktuellen Situation stellt sich die Frage, wie Unterricht gestaltet werden muss, damit Kinder und Jugendliche aus geflüchteten Familien erfolgreich lernen können. Momentan wird viel über Oberflächenmerkmale diskutiert, etwa über die Frage, ob eine getrennte Beschulung dieser Gruppe von Heranwachsenden sinnvoll ist, wie lange diese andauern sollte usw. Wichtig ist aber auch zu wissen, welche Förderansätze wirksam sind, was in der Praxis gegeben sein muss, damit ihre Umsetzung gelingt, und inwieweit die Ansätze dann auch tatsächlich effektiv sind. Das erfordert systematische Entwicklung, Einsatz und Evaluation von Förderkonzepten, am besten in Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis, wie es momentan im Bund-Länderprogramm „Bildung durch Sprache und Schrift“ praktiziert wird. Die hierfür erforderlichen Rahmenbedingungen umfassen vor allem Zeit für Zusammenarbeit der Lehrkräfte, die im Alltag oft fehlt, und Unterstützung durch Fortbildungen, die möglichst handlungsnah gestaltet sein müssen, um effektiv zu sein.

 

Kontakt bei Rückfragen:
Prof. Dr. Petra Stanat
Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB),
und Berliner Institut für  Integrations- und Migrationsforschung (BIM)
an der Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: iqboffice@iqb.hu-berlin.de  

 

Das Interview führte:
Dr. Anne Klostermann
Pressestelle DGPs
Tel.: 030 28047718
Mail: pressestelle@dgps.de

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