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Erzähl mir Deine Geschichte – und mein Computer sagt mir ob Du lügst?!

09.12.2014

Eine aktuelle Studie untersucht, wie Lügenforscher versuchen Wahrheit und Lüge in erzählten Geschichten zu unterscheiden.

Lügen kann man am Gesichtsausdruck oder der Körperhaltung einer Person erkennen. So lautet eine weit verbreitete Annahme. Die Bestätigung dieser Annahme durch wissenschaftliche Studien ist allerdings dürftig, wenn nicht gar widersprüchlich. Forscher haben daher in den letzten Jahrzehnten vielfach untersucht, welche anderen Methoden dazu eingesetzt werden können, um Lügen und Täuschungsversuche zu enttarnen.

Können Computer Lügen enttarnen?

Ein Ansatz besteht in der Frage, ob sich wahre Geschichten von frei erfundenen unterscheiden. Um das zu untersuchen, werden Computerprogramme eingesetzt, die Texte hinsichtlich sprachlicher Unterschiede analysieren. Gemeinsam mit Kollegen aus den USA und Spanien haben Psychologen von der Universität Gießen nun in einer groß angelegten Analyse insgesamt 44 solcher Studien aus den Jahren 2002 bis 2012 zusammengefasst und bewertet. In allen Studien wurden Geschichten, die entweder gesprochen oder per Hand niedergeschrieben und abgetippt, oder per Text-Chat oder Email übermittelt wurden, mithilfe von Computerprogrammen analysiert, um mögliche Unterschiede in den Äußerungen aufzudecken.

Lügner erzählen ihre Geschichten anders, aber...

In den analysierten Geschichten zeigte sich, dass Lügner im Vergleich zu Wahrheit-Sagenden mehr negative Gefühle äußern und sich eher von Ereignissen distanzieren. Sie sind insgesamt angestrengter, was sich zum Beispiel darin äußert, dass ihnen beim Aufschreiben der Geschichte mehr Schreibfehler unterlaufen. Auch die Inhalte der Geschichten unterscheiden sich. Lügner verwenden weniger Wörter, die Häufigkeiten ausdrücken und weniger Wörter, mit denen Denkprozesse beschrieben werden. So verwenden sie beispielsweise seltener Ausdrücke wie „ich dachte“ oder „ich wusste“.

Allerdings – und dies ist eine wesentliche Erkenntnis der Analyse: Diese Befunde gelten nicht immer und für alle Situationen. Sie hängen davon ab, über welche Ereignisse die Personen berichten und ob in der jeweiligen Studie ein persönliches Gespräch oder ein Austausch über E-Mail stattfand. Sie hängen ebenfalls von der Motivation zu lügen ab. Auch macht es einen Unterschied, ob ein positives oder ein negatives Ereignis beschrieben wird. Schließlich können Computerprogramme nicht die Absicht einer Kommunikation erfassen, wie etwa Ironie, Schmeichelei oder Sarkasmus.

Kein Patentrezept für Lügenenttarnung

„Aus der Vielfältigkeit der Befunde wird klar, dass es ein einfaches Patentrezept, mit dem wir Lügen anhand von Computerprogrammen entlarven können, derzeit nicht gibt“ sagt Prof. Siegfried L. Sporer. „Dies wird es auch in naher Zukunft nicht geben. Allen, die das Gegenteil behaupten, sollten wir daher mit Skepsis begegnen.“

Computerprogramme werden eingesetzt, um digitalisierte Texte nach vorgegebenen Regeln auszuwerten. Dabei wird angenommen, dass bestimmte Wortklassen häufiger in Lügen als in wahren Texten vorkommen. Computer selbst können nicht entscheiden, welche Bestandteile der Sprache für oder gegen die Gültigkeit einer Aussage sprechen. Dies müssen die Wissenschaftler entscheiden. Die Ergebnisse von Computeranalysen sind deswegen auch immer nur so brauchbar, wie es die Theorien und die daraus abgeleiteten Vorhersagen der Forscher sind.

Die Originalstudie finden Sie hier:

Hauch, V., Blandón-Gitlin, I., Masip, J., & Sporer, S. L. (2013). Are computers effective lie detectors? A meta-analysis of linguistic cues to deception. Personality and Social Psychology Review. Advance online publication.

doi: 10.1177/1088868314556539

Diese Studie wurde durch ein Doktorandinnenstipendium im Rahmen des Gleichstellungskonzepts der Justus-Liebig-Universität Gießen gefördert.

Weitere Informationen:

Prof. Siegfried L. Sporer, Ph.D. Department of Psychology
University of Giessen Otto-Behaghel-Strasse 10F
Tel.: +49 641 99-26241
E-Mail: sporer@psychol.uni-giessen.de 

DGPs-Pressemitteilung___09-12-2014.pdf

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