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Portrait DGPs Vorstand

17.12.2013

Interview Prof. Dr. Jürgen Margraf, Präsident der DGPs und Humboldt-Professor an der Ruhr-Universität Bochum

Prof. Dr. Jürgen Margraf
Ruhr-Universität Bochu
m
Tel.: +49 234-3223169
Fax: +49 234-3203169
praesident@dgps.de

Zur Person

Jürgen Margraf ist Alexander von Humboldt-Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum. In seinem Arbeitsschwerpunkt “Psychische Gesundheit” interessieren ihn besonders die Verbindung von Ursachen- und Therapieforschung sowie das Zusammenspiel psychologischer, biologischer und sozialer Faktoren. Prof. Margraf war Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates Psychotherapie der Bundesrepublik Deutschland, Direktor des schweizerischen Nationalen Forschungsschwerpunktes sesam (swiss etiological study of adjustment and mental health) und Präsident des europäischen Dachverbandes für Verhaltenstherapie (European Association for Behavioural and Cognitive Therapies). Er ist Mitglied der Akademie der Naturforscher Leopoldina (Nationale Akademie der Wissenschaften) und erhielt mit der Humboldt-Professur als erster Psychologe den höchstdotierten deutschen Forschungspreis.

Warum haben Sie sich für die Psychologie entschieden?

Psychologie war für mich schon früh ein spannendes Thema, weil ich wissen wollte, wie der Mensch funktioniert. Neben dem Körper spielt dabei natürlich der Geist eine wichtige Rolle. Bereits in der elften Klasse faszinierte mich der utopische Roman „Walden two“ des US-amerikanischen Psychologen B.F. Skinner. Dieser Zukunftsentwurf spielt auf den Roman „Walden“ von Henry David Thoreau an. Darin beschreibt der Autor sein Leben in einer einfachen Blockhütte, in die er sich für mehr als zwei Jahre zurückgezogen hat, um abseits der industrialisierten Gesellschaft einen ausgewogenen Lebensstil zu entwickeln. Skinner hatte sich für seinen Roman eine Art zweites „Walden“ ausgedacht, basierend auf den Ansätzen der Verhaltensanalyse.

Diesen Gedanken fand ich schon damals so interessant, dass er mich dazu brachte, Psychologie zu studieren. So war ich einer der wenigen in meiner Altersgruppe, die über die Verhaltensforschung und nicht über das Interesse an Sigmund Freuds Psychoanalyse zum Psychologie-Studium kamen.

Die Neugier auf das, was uns Menschen ausmacht, treibt mich auch heute noch an. Unser Denken, unsere Gefühle und unsere Wahrnehmung sind hochspannende Forschungsfelder. Mich faszinieren auch die Rätsel der Physiologie, insbesondere die Fragen, in denen es um das Zusammenspiel der physikalischen, biochemischen und psychischen Vorgänge geht.

 

Was bedeutet die Psychologie als Wissenschaft für Sie, wie sehen sie das Fach heute?

Im Laufe der Zeit ist immer klarer geworden, dass in jedem Menschen ein ganzer Kosmos steckt. Wir wissen heute, dass jeder Mensch über 100 Milliarden oder mehr Nervenzellen verfügt, die viele Verbindungen untereinander haben. Das sind Dimensionen, die wir eigentlich mit dem Kosmos, dem Weltall verbinden. Aus meiner Sicht ist der Kosmos in unseren Köpfen mindestens so interessant wie das Weltall. Das Faszinierende an der Psychologie ist nun, wie bei uns Hardware und Software miteinander interagieren.

Außerdem ist die Psychologie ist ein Fach, das von der Grundlagenforschung bis hin zur klinischen Anwendung reicht. Zahlreiche Forschungsergebnisse sind für das Leben der Menschen von ganz praktischer Bedeutung. Ich selbst war beim Einstieg in das Studium vor allem an der Grundlagenforschung interessiert. Später wurde mir klar: du kannst an Themen arbeiten, die nützliche Ergebnisse für die Menschen hervorbringen. Und genau da hat die Psychologie enorme Fortschritte gemacht, beispielsweise beim Verständnis der Entstehung, Diagnostik und Behandlung psychischer Störungen.

Man kann trotzdem das alte Bild vom halb vollen oder halb leeren Glas verwenden. Wir sind in sehr vielen Fragen wunderbar vorangekommen, insofern ist das Glas halb voll: die psychologische Forschung hat fantastische Psychotherapien wie die Verhaltenstherapien hervorgebracht. Deren Erfolge wurden über lange Zeiträume gut dokumentiert. Hier sehe ich einen deutlichen Vorteil gegenüber einer medikamentösen Behandlung, die meist keine dauerhaften Erfolge mit sich bringt.

Halb leer ist das Glas, weil wir noch zu wenig über die Ursachen von Gesundheit und Krankheit und die Wirkmechanismen von Behandlungen wissen. Aber ich bin sicher, dass wir derzeit tatsächlich an der Schwelle zu ganz wesentlichen Fortschritten stehen. 

Trotzdem frustriert es mich, dass vieles von dem, was heute im Sinne einer optimalen Patientenversorgung machbar wäre, nicht umgesetzt wird. Und zwar meistens, weil Rahmenbedingungen oder Anreizsysteme oder auch einfach Beharrungskräfte dagegen sprechen. Wir haben wunderbare Methoden, die dauerhafte Erfolge bringen – und doch werden sie nur in einer Minderheit der Fälle angewandt. Dafür gibt es keinen vernünftigen Grund. Das stört mich und das ist einer der Gründe, warum ich mich in der DGPs engagiere.

Von zentraler Bedeutung für unser Fach ist die Ausbildung von Psychologinnen und Psychologen. Für das große Arbeitsfeld der Psychologie braucht man eine solide Ausbildung. Politische Bestrebungen, das Niveau nach unten zu nivellieren, kann ich, und können wir in der DGPs, überhaupt nicht nachvollziehen. Die Idee, man könne mit einem Bachelor-Studium eine vollwertige Ausbildung für das Gebiet der Psychologie erreichen und umfassend damit arbeiten, ist Unsinn. Das zeigt schon der Arbeitsmarkt: Psychologen mit einem Bachelor-Abschluss werden so gut wie nicht nachgefragt. Ihnen fehlt zu viel Wissen, um eine verantwortliche Tätigkeit mit Menschen ausüben zu können. Für einen ernstzunehmenden Abschluss in Psychologie braucht man eine mindestens fünfjährige Ausbildung, die inhaltlich aufeinander aufbaut: Zunächst lernen die Studierenden die Methoden kennen, darauf aufbauend können sie Forschungsergebnisse beurteilen und erst danach geht es um die Anwendung, die Praxis. Legt man Wert auf eine qualitativ hochwertige und verantwortungsbewusste Ausbildung, können diese Mosaiksteine nicht beliebig hin- und hergeschoben oder verkürzt werden. Würde die Politik hier der Versuchung zu schnellen, billigen Quick-and-dirty-Lösungen erliegen, wäre das langfristig ein großer Fehler.

Insgesamt gesehen ist das Glas für die wissenschaftliche Psychologie aber deutlich mehr halbvoll als halbleer.

 

Welche Themenkomplexe spielen in der modernen psychologischen Forschung eine zentrale Rolle?

Die Psychologie ist ein sehr breites Forschungsfeld. In der modernen Grundlagenforschung geht es beispielsweise darum, individuelle Lern- und Gedächtnisprozesse sowie die Wahrnehmung und  Informationsverarbeitung besser zu verstehen. Die zentrale Frage ist: wie funktioniert menschliche Informationsverarbeitung? Auch auf diesem Gebiet gehört das Zusammenspiel von Körper und Geist zu den ganz spannenden Fragen, die man vielleicht eines Tages wird beantworten können.

Ein weiteres Thema ist der Mensch als soziales Wesen. Für uns Menschen ist die soziale Interaktion außerordentlich wichtig, also unser Leben als Individuum im sozialen Netz. Dazu gibt es in der sozialpsychologischen Forschung große Fortschritte im Bereich der „Social Cognition“. Hier wird z.B. gefragt: wie funktioniert die Informationsverarbeitung sozialer, zwischenmenschlicher Reize, Beziehungen und Bedingungen? Im Hinblick auf die zunehmenden gesellschaftlichen Veränderungen, lohnt es sich künftig sicher auch, mikrosoziale Faktoren wie gesellschaftliche Organisationsformen intensiver in die Forschung einzubeziehen.

Auch das lebenslange Lernen spielt eine große Rolle in unserer Forschung. Wir haben verstanden, dass wir viele Phänomene auch aus einer Entwicklungsperspektive betrachten müssen.

Eine weitere spannende Frage ist: was macht das Individuum zur einzigartigen Persönlichkeit? Wir bewegen uns damit auf dem Gebiet der Differentiellen Psychologie und stellen die grundsätzliche Frage: Was unterscheidet die Menschen? Wie wichtig ist die Persönlichkeit, wie wichtig ist die sie umgebende Situation? Oft neigen wir Menschen ja dazu, für unser Verhalten mit der jeweiligen Persönlichkeit zu erklären. Aber aus der sozialpsychologischen Forschung wissen wir, wie stark unsere persönliche Entwicklung auch von Situationen abhängt.

In der anwendungsorientierten Forschung geht es dagegen um die klassischen großen Fragen: was ist Gesundheit und Krankheit? Warum werden manche Leute krank und andere nicht? Warum werden manche wieder gesund und andere nicht? Warum brauchen manche Menschen länger für den Genesungsprozess? Das ist für mich persönlich eine ganz faszinierende Frage.

Und es gibt es gibt so viele weitere Teilgebiete der Psychologie, die jedes für sich sehr interessant sind: die Wirtschaftspsychologie, Verkehrspsychologie, die Sportpsychologie oder die Rechtspsychologie. Insgesamt hat die DGPs 15 Fachgruppen. Insgesamt verstehe ich gut, warum psychologische Themen in der Öffentlichkeit so eine große Rolle spielen.

 

Wo liegen Ihre eigenen Forschungsschwerpunkte?

Ich habe, mit unterschiedlichen Schwerpunkten, immer in der klinischen Psychologie gearbeitet. Es ging dabei beispielsweise um die Frage, wie wir psychische Störungen erfolgreich behandeln können. In bestimmten Bereichen sind wir dabei sehr erfolgreich gewesen, in anderen nicht. So können wir heute Angststörungen gut therapieren, aber mit der Behandlung des Übergewichts klappt es nicht so gut. Deshalb stellt sich die Frage: wie kommt das, wie funktioniert das und warum? Warum werden manche Leute gesund und andere nicht? Das interessiert mich, weil es uns auf den Königsweg führen würde und wir Möglichkeiten für eine echte Prävention entwickeln können. Im optimalen Falle könnte man rechtzeitig eingreifen, Therapien würden gar nicht mehr gebraucht.

Mir ist wichtig, anwendbare Empfehlungen für das tägliches Leben geben zu können. Deshalb haben  wir nun eine große Studie begonnen, mit der wir nach kausal relevanten Prädiktoren für psychische Gesundheit und Krankheit suchen. Bislang haben wir dabei erfahren, dass die Mechanismen, die zum Gesundwerden und zum Krankwerden führen, scheinbar systematisch unterschiedlich sind. Wir werden auf anderem Wege krank, als wir gesund werden. Wir werden nicht automatisch gesund, wenn wir die krankmachenden Faktoren reduzieren. Dafür sind offenbar andere Mechanismen verantwortlich. Für diese langfristig angelegte Studie brauchen wir einen langen Atem. Vielleicht kommen die wirklich interessanten Ergebnisse erst heraus, wenn ich selbst nicht mehr dabei bin.

 

Was sind die Aufgaben und Ziele der DGPs?

Die DGPs ist eine Vereinigung der in Forschung und Lehre tätigen Psychologinnen und Psychologen. Um Mitglied zu werden, muss man nicht Professor oder Professorin, aber promoviert sein, wissenschaftlich arbeiten und mindestens zwei wissenschaftliche Publikationen vorgelegt haben. Außerdem gibt es assoziierte Mitglieder, z.B. aus dem wissenschaftlichen Nachwuchs oder Studierende.

An der DGPs ist bemerkenswert, das über 80 % der Psychologieprofessorinnen und -professoren in Deutschland Mitglied bei uns sind. Deshalb können wir mit großer Legitimität für das Fach sprechen und die Interessen der wissenschaftlichen Psychologie vertreten.

Dennoch sind wir kein Professoren-Club. Uns liegt sehr daran, die jüngeren Mitglieder besser einzubinden und mitbestimmen zu lassen. Ich persönlich denke, die DGPs sollte sich zur Heimat aller wissenschaftlich denkenden und handelnden Psychologinnen und Psychologen entwickeln. 

In den vergangenen Jahren haben wir unsere Arbeit weiter professionalisiert, um die Rahmenbedingungen unseres Handelns besser beeinflussen zu können. Es ist gut zu sehen, dass unsere Vorschläge, beispielsweise im Bereich der psychischen Gesundheit allgemein oder zum speziellen Thema Psyche und Arbeitsplatz sehr gut aufgenommen werden. Auch wenn man sich manchmal an diesen Vorschlägen reibt oder sie nicht in allen Details teilt, so haben wir doch Maßstäbe gesetzt.

Innerhalb der DGPs erlebe ich die Zusammenarbeit als überdurchschnittlich konstruktiv und harmonisch. Ein besonderes Augenmerk legen wir auf die internationale Entwicklung von Forschung und Lehre. Dazu pflegen wir zahlreiche Kontakte in die angelsächsische Welt, nach Europa und nach Ostasien.

 

Was ist Ihre Aufgabe als Präsident der DGPs?

Meine Aufgaben sind sehr vielfältig. Innerhalb der Gesellschaft gilt es beispielsweise, die unterschiedlichen Interessen, die es in unserem großen Forschungsgebiet gibt, so in unsere Gesamtstrategie einzubinden, dass auch die ganze psychologische Forschung davon profitiert. Das passiert einerseits innerhalb des Vorstands, der ja heterogen zusammengesetzt ist. Andererseits in enger Zusammenarbeit mit den 15 Fachgruppen. So wollen wir beispielsweise die Zusammenarbeit mit den Instituten oder Fakultäten, den Trägern der Ausbildung und der Forschung stärken und systematisieren. Wir sind uns in den vorangegangenen Diskussionen einig geworden, dass wir einen deutschen Fakultätentag Psychologie gründen werden, unter dem Dach der DGPs, der dann mit einer Stimme für die gesamte Ausbildung und die Interessen der Fakultäten bzw. Institute sprechen kann.

Gleichzeitig vertrete ich die Interessen der Psychologie nach außen. Als ich mich um dieses Amt beworben habe, habe ich gesagt, die psychologische Forschung ist ein sehr wichtiges und in vielerlei Hinsicht auch extrem erfolgreiches Fach, das aber öffentlich nicht die Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommt, die ihm eigentlich zusteht. Wir vermitteln unsere Arbeit daher inzwischen aktiver und informieren umfassend über die aktuelle psychologische Forschung und Hintergründe. Darüber hinaus kooperieren wir mit anderen Verbänden und denjenigen, die die Rahmenbedingungen unseres Handelns maßgeblich beeinflussen, d.h. mit Politik, Kostenträgern und anderen gesellschaftlichen Kräften.

Diese vielfältigen Aufgaben lassen sich nebenberuflich kaum zufriedenstellend bearbeiten. Deshalb ist es sehr wichtig, dass wir eine wissenschaftliche Referentin haben. Momentan stehen wir sind an einer Schwelle, wir müssen uns transformieren und professioneller werden. Deshalb ist angedacht, eine zentrale Geschäftsstelle mit zwei bis drei Mitarbeitern einzurichten, die inhaltlich arbeiten und für Kontinuität sorgen können. 

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