Mitteilungsdetail

Empfehlungen des Vorstands für die Organisation künftiger Kongresse der DGPs

01.01.2000

Quelle: Psychologische Rundschau, 2000, 51(3), 161-163

Der Vorstand der DGPs hat in seiner Sitzung am 14.04.2000 die nachfolgenden Empfehlungen verabschiedet. Sie beruhen auf dem Bericht und den Empfehlungen einer vom Präsidenten eingesetzten Kommission. Aufgabe der Kommission war es, Vorschläge für die Organisation künftiger Kongresse der DGPs zu machen. Sie sollte hierzu ausdrücklich frei sein, etwa betroffene Strukturen der DGPs mit zu bedenken.

In die Kommission waren folgende Wissenschaftler/ innen berufen worden: Profs. Drs. Niels Birbaumer, Michael Frese, Peter Gollwitzer, Elke van der Meer, Rainer K. Silbereisen (Vorsitz).

 

1. Organisationsprinzipien und Finanzierung der Kongresse

 

Der Vorstand hält die bisherige Praxis der Ausrichtung von Kongressen für problematisch. Angesichts des Finanzvolumens eines Kongresses und seiner zentralen Rolle für die Aufgaben einer Wissenschaftsgesellschaft ist es nicht mehr länger vertretbar, Kongresse ohne professionelle Unterstützung zu veranstalten und sich statt dessen weitgehend auf die Ressourcen der Universität des Ausrichters zu verlassen. Schon die letzten Kongresse erfolgten in dieser Hinsicht zwar unter Einbezug eines Kongressbüros, doch lässt es die Tradition und auch die Struktur der DGPs selbst nicht zu, so zu verfahren, wie es bei anderen Wissenschaftsgesellschaften längst üblich ist. In der Regel empfiehlt es sich nämlich, für die Ausrichtung eine Konstruktion zu wählen, welche es erlaubt, die Veranstaltung durch entsprechend günstig kalkulierte Gebühren und Einnahmen aus Sponsoring zu planen und durchzuführen, was dann auch einen kalkulierbaren Ertrag für die DGPs bringt.

Der Vorstand empfiehlt, sich künftig an den Gepflo-genheiten im Bereich von Kongressen und Ausstellungen zu orientieren, nach denen sich auch viele Wissenschaftsgesellschaften bei ihren Kongressen richten. In der Regel bedeutet dies, dass anlässlich des Kongresses ein Verein zur Durchführung gegründet wird, um eine saubere Trennung zwischen der wissenschaftlich-organisatorischen und der finanziellen Abwicklung zu erreichen. Bei entsprechender Planung sind keine oder nur geringe Mittel vorab erforderlich.

Will man die jeweils neue Ausschreibung wegen der Kongressorganisation vermeiden oder zumindest eine bessere Tradierung der Routinen erreichen, dann wäre die Rolle des Vorstands bei der Planung zu stärken. Letzteres macht aber nur Sinn, wenn dort eine Struktur geschaffen wird, die entsprechende Aufgaben bewältigen kann (z.B. die Position eines „Executive Officer"). In diesem Zusammenhang wird darauf verwiesen, dass zahlreiche Wissenschaftsgesellschaften eine eigene Organisation geschaffen haben, welche auch die Durchführung von Kongressen plant und organisiert (im Zusammenwirken mit dem lokalen Ausrichter). Aus Kostengründen findet oft ein Zusammenschluss mit verwandten Gesellschaften statt (so etwa die Society for Research on Child Development, die für die Society for Research on Adolescence entsprechende Dienstleistungen erbringt).

Der Vorstand empfiehlt in diesem Zusammenhang, die bereits laufenden Überlegungen zu einer professionelleren Organisation der DGPs entschieden voranzutreiben, um für die vielfältigen Aufgaben über die Betreuung der Mitglieder hinaus (Öffentlichkeitsarbeit, wissenschaftliche Fort- und Weiterbildung, Kongressorganisation, Kontakte zu Regierungen und Parlamenten, usf.) besser gerüstet zu sein.

 

Um die ersten Schritte zu tun, sollte bereits jetzt damit begonnen werden, Daten, Dokumente, Informationsmaterialien und -erfahrungen von Kongressausrichtern zu dokumentieren und in leicht nutzbarer Weise (am besten in Form einer Datenbank oder eines gut strukturierten Dokumentenservers) Nachfolgern verfügbar zu machen. Dies sollte unter Einbeziehung der Geschäftsstelle und der IuK-Kommission erfolgen.

 

2. Umfang und Größe des Kongresses

 

Immer wieder hört man Klagen, dass der Kongress der DGPs zu groß sei (ca. 2000 Teilnehmer) und dass er deswegen seine Funktion der wissenschaftlichen Kommunikation verfehle.

Der Vorstand empfiehlt, dies differenzierter zu beurteilen, denn Größe ist auch eine wichtige Voraussetzung für die Aufmerksamkeit und letztlich die Wirkung, die ein Kongress hat. Die Zielstellung ist nämlich mehr als (inner-)wissenschaftliche Kommunikation: Die Psychologie will und muss auch die Öffentlichkeit erreichen, um ihre möglichen Beiträge zur Vorbereitung von Gesellschaft und Kultur auf die Herausforderungen unserer Zeit zu verdeutlichen.

Kongresse müssen also groß sein (nicht von ungefähr besteht ja selbst bei den Fachgruppentagungen die Tendenz, beständig zu wachsen), aber so groß wie nötig und richtig für die Zielsetzung. In diesem Zusammenhang wurde in der Vergangenheit auch die Frage aufgeworfen, ob nicht die DGPs und der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) ihre Kongresse ge-meinsam veranstalten sollten. Hinsichtlich der möglichen Wirkung ist dies sicherlich eine prüfenswerte Idee (wiewohl die Vertretung der praktisch tätigen Psychologen mittlerweile auch durch weitere Verbände erfolgt), doch gibt es wegen der wissenschaftlichen Qualität erhebliche Bedenken. Diese werden durch die Erfahrungen mit europäischen Kongressen von Schwestervereinigungen des BDP nicht gemindert. Eine denkbare Möglichkeit wäre, statt eines gemeinsamen Kongresses die teils parallele Durchführung am gleichen Ort („back-to-back") zu planen. Allerdings auch hier unter der Voraussetzung, dass die Professionalisierung der Kongressvorbereitung und -durchführung seitens der DGPs Fortschritte gemacht hat.

Für das Gelingen eines Kongresses sind auch Länge und Platzierung in der Woche bedeutsam. Der Vorstand empfiehlt, alternativ zur bisherigen Praxis das Schema Donnerstag bis Sonntag zu favorisieren, weil dann auch die Familien einbezogen werden können. Letzteres macht natürlich nur Sinn, wenn das Programm entsprechend breiter gestaltet ist. Falls nicht, wäre die bisherige Platzierung (Sonntag bis Donnerstag) richtig. Will man aber größere internationale Repräsentanz anzielen, müsste aus Gründen der Flug- und Hotelkosten die Notwendigkeit einer Übernachtung von Samstag auf Sonntag bedacht werden.

 

3. Zweck der Kongresse und Zielgruppen

 

Neben der wissenschaftlichen Kommunikation geht es, wie schon erwähnt, um das Hineinwirken des Faches in Gesellschaft und Kultur. Geht man von unserer Aufgabe als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Psychologie im engeren Sinne aus, so gilt es, Mittel für die Forschung zu gewinnen und Ausgaben hierfür durch Aufweis ihres Nutzens, von der Grundlagenforschung bis hin zur anwendungsorientiertes Forschung, zu legitimieren. Der wissenschaftliche Austausch soll beileibe nicht klein geredet werden, insbesondere was neue Erkenntnisse und die Etablierung wissenschaftlicher Standards anbelangt, aber die breitere Wirkung in der Gesellschaft verlangt es, alle potentiellen Fördereinrichtungen und die potentiellen Abnehmer anzusprechen (also Forschungsstiftungen, Ministerien, Industrie, gesellschaftliche Gruppen). Hinzu kommen natürlich die Studierenden und Jungwissenschaftler des Faches, alle wissenschaftlich interessierten Praktiker und die Nachbardisziplinen.

 

Der Vorstand empfiehlt, stärker als in der Vergangenheit das Programm der Kongresse auf diese Vielfalt der Zielgruppen auszurichten. Wenn dies bislang nur in Grenzen geschah, so spiegelt dies auch das bisherige Selbstverständnis.

 

4. Format der Kongresse

 

Die Art der Veranstaltungen auf einem Kongress muss der geschilderten doppelten Zielsetzung (Wirkung in Wissenschaft und Gesellschaft) dienen. Bewährtes zu ändern, besteht kein Bedarf. Hierzu zählen die Überblicks-/Positionsreferate, Symposien oder Arbeitsgruppen, Poster (die allerdings deutlich aufgewertet werden sollten) in verschiedenen Darbietungsformen sowie eingeladene Vorträge („Keynote Speakers") von renommierten Fachleuten aus dem In- und Ausland.

 

Der Vorstand empfiehlt, bislang zu selten oder noch nicht mit geeignetem Nachdruck verfolgte Veranstaltungen zu vermehren, wie Workshops für spezielle Themen (etwa Methodenentwicklung), Möglichkeiten zu strukturierten Begegnungen mit erfolgreichen Wissenschaftlern als Verhaltensmodellen, gerade für jüngere Wissenschaftler („meet the expert"), streitbare Foren zu kritischen Fragen mit Beteiligung aus Wissenschaft und Politik, Begegnungen mit möglichen Arbeitgebern. Eigens erwähnt werden sollen Veranstaltungen, die Jungwissenschaftlern und ihren Leistungen ein besonderes Forum geben.

 

Der Vorstand empfiehlt, dass die eingereichten Beiträge mehr als in der Vergangenheit eine Qualitätskontrolle durch das Programmkomitee erfahren, welches strenge Maßstäbe anlegt (ohne wirklich innovative Beiträge, die noch keinem akzeptierten Muster entsprechen, zu benachteiligen). Neben der wissenschaftlichen Seriosität verlangt auch schon das gestiegene Angebot an Einreichungen die Durchsetzung von Qualitätsmaßstäben. Für den Kongress in Jena wurde dies bereits praktiziert.

 

 

Auch hier gilt natürlich, dass Kongresse nicht prinzipiell besser sein können als das Fach selbst. Die Psychologie scheint sich der Kritik ihrer fachlichen Konstitution (Neurowissenschaften usf.) noch nicht recht bewusst zu sein, denn ansonsten gäbe es mehr Anregungen und Aufforderungen, eine stärker inter- und transdisziplinäre Besetzung von Veranstaltungen zu betreiben. Grundsätzlich sollte die Programmgestaltung für die Kongresse der DGPs verstärkt auch unter dem Aspekt der fachlichen Entwicklung betrieben werden.

Hier steht es nicht anders wie in der leidigen Frage, wie groß der Anteil von ausländischen Referenten in herausgehobener Position sein soll. Entgegen dem immer wieder gehörten Ruf, auf mehr Variation nach Herkunft zu achten, laufen die, Vorschläge der hierzu von den Ausrichtern befragten Fachgruppen immer wieder auf den Status quo hinaus, und das heißt viele Nordamerikaner. Mehr Internationalität ist gefragt, aber man muss sehen, dass dies nur durch entsprechende Initiativen hinsichtlich der Forschung selbst befördert wird.

Der Vorstand empfiehlt ausdrücklich, dass eigens eingeladene ausländische Wissenschaftler, auch aus benachbarten Disziplinen, eine deutlichere Rolle spielen sollten, um auch so den vielfältigen Bestrebungen zu einer höheren Internationalität zu entsprechen. Wichtig ist eine angemessene Streuung über Länder und Regionen.

Dies führt zu einer generelleren Fragestellung. Will man nämlich über das Ist und Profil eines Faches hinaus neue Initiativen auf Kongressen präsentieren, dann muss der Anteil des Programms, der durch Einreichungen gedeckt wird, kleiner gehalten werden.

Der Vorstand empfiehlt für die Gestaltung im geschilderten Sinn einen Anteil von bis zu 20%, die durch den Ausrichter (bzw. das Programmkomitee) bestimmt werden. Hierbei ist allerdings zu berücksichtigen, dass bei eingeladenen Beiträgen oft zusätzliche Kosten entstehen.

Der Kongress dient auch dazu, über die Aktivitäten der Mitglieder und der von ihnen gewählten Repräsentanten der DGPs zu berichten, neue Legitimation durch Wahlen zu suchen, usf. Die übliche Mitgliederversammlung hat sich über die letzten Jahre als erheblich verbesserungswürdig erwiesen. Manche Probleme dürften sich mit einem neuen Modus bei den Wahlen zum Vorstand beheben lassen.

Der Vorstand empfiehlt, dass eine Agenda nebst Erläuterungen vorher verschickt wird, welche die zu verhandelnden Sachverhalte schildert und in Alternativen für die Beschlussfassung mündet. Andere Wissenschaftsgesellschaften können in dieser Hinsicht ein Vorbild für eine bessere Nutzung der Präsenzzeit sein (obwohl man nicht übersehen sollte, dass die DGPs einen weitaus höheren Anteil der Mitglieder als üblich zur Versammlung bewegen kann, ungeachtet aller Probleme). Die Wahlen selbst bedürfen einer besseren Organisation, wofür der Vorstand empfiehlt, schriftliche Abstimmungen im Vorfeld des Kongresses zu erwägen.

 

5. Publikationen und Medienarbeit

 

Der Kongressbericht gehörte bislang zu jedem Kongress der DGPs, wobei über die Jahre sowohl der Inhalt selektiver als auch die Herstellung sparsamer wurde. Jetzt gehen in ihn, publiziert in klassischer Weise als Buch, die besonderen Beiträge ein, vor allem eingeladene Vorträge sowie Positions-/Überblicksreferate. Der Vorstand hat sich die Auffassung der Kommission zu Eigen gemacht, wonach aus wissenschaftlicher Sicht solche Berichte nicht als bedeutsame Veröffentlichungen gelten können (siehe auch die Stellungnahme des Vorstands zur Internationalisierung der deutschsprachigen Psychologie, Psychologische Rundschau 2/2000). Für die Öffentlichkeitsarbeit wiederum sind andere Formen und Medien bedeutsamer.

Der Vorstand empfiehlt, sich künftig unter Nutzung der heutigen Möglichkeiten auf Abstracts aller angenommenen (eingeladenen wie eingereichten) Beiträge zu konzentrieren und diese im Internet zur Verfügung zu stellen oder auch als CD mit entsprechend komfortabler Software zu veröffentlichen. Ein Kongressbericht wie in der bisherigen Form kann entfallen, womit andere Formen und Inhalte nicht ausgeschlossen werden sollen.

Der Arbeit mit den Medien misst der Vorstand hingegen höchste Bedeutung zu. Hierbei kommt es darauf an, durch Nutzung und Ansprachen der professionellen Dienste, wofür der Vorstand die Koordination durch ein Pressebüro (etwa der jeweiligen Universität oder auch zentralisiert) empfiehlt, eine differenzierte Berichterstattung zu erreichen. Diese muss unterscheiden zwischen vor, während und nach dem Kongress erfolgenden Aktivitäten und Berichten.

 

6. Marketing und Sponsoring

 

Bislang (erstmalige Ausnahme ist Jena 2000) gab es für die Kongresse keine ausgearbeiteten Konzepte, um entsprechende Aktivitäten gezielt einzusetzen, und zwar mit dem Anspruch, wesentliche Anteile der Ausgaben auf diese Weise (schon im Vorfeld) zu sichern. Hierbei geht es nicht bloß um die Vermietung von Ausstellungs-flächen, sondern um die Ansprache wichtiger Spon-soren für ein dem Fach und unserer Zielgruppe angemessenes Sponsoring. Praktisch jedes Element des Programms bzw. der Kosten ist hierfür geeignet (etwa Unterstützung der Ausgaben für geladene Referenten, Unterstützung für Doktoranden, Kulturprogramm, usf.). Mittels Sponsoring wird auch der Impact erhöht, denn die Sponsoren kommen aus vielen gesellschaftlichen Bereichen.

In diesem Zusammenhang sei noch angemerkt, dass die bisherige Finanzierung durch Zuschüsse (DFG, Ministerien) stets nur Teile der jeweiligen Kostenart betraf (nur teilweise Deckung von Reisekosten, keine Honorare) und im Übrigen nach dem „Defizit-Modell” erfolgte, denn Gewinne durften nicht entstehen.

Der Vorstand empfiehlt, Überlegungen zum Marketing und Sponsoring, die der Hilfe eines professionellen Kongressbüros bedürfen, als Eckpfeiler eines insgesamt geänderten Finanzierungskonzepts zu entwickeln, ohne das die anderen vorgeschlagenen Änderungen schwer umsetzbar wären.

 

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