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28.10.2014

Stellungnahme der Sprechergruppe der Fachgruppe Rechtspsychologie der DGPs zur aktuellen Diskussion zur Qualität familienrechtspsychologischer Gutachten

Die Veröffentlichung eines Forschungsberichtes zu „Qualitätsstandards in der familienrechtspsychologischen Begutachtung“ durch Prof. Dr. Christel Salewski und Prof. Dr. Stefan Stürmer auf den Internetseiten des Instituts für Psychologie der Fernuniversität Hagen (http://www.fernuni-hagen.de/psychologie/qpfg/) hat zu einer sehr kritischen Berichterstattung und Medienbeiträgen zur familienrechtspsychologischen Gutachtenpraxis geführt. In der Folge haben sich Mitglieder der Fachgruppe und familienrechtspsychologische Gutachter an uns gewandt, die den Forschungsbericht als methodisch fragwürdig und die Medienberichterstattung als einseitig und diffamierend erachten.

Die Hagener Studie beruht auf der Auswertung aller 116 familienrechtspsychologischen Gutachten, die in vier Amtsgerichtsbezirken in NRW in den Jahren 2010 und 2011 erstattet wurden. Die Bewertung der untersuchten Gutachten erfolgte anhand formaler Kriterien, die aus den Richtlinien der Föderation Deutscher Psychologenvereinigungen (1994) und den Empfehlungen der Arbeitsgruppe „Qualitätsstandards für psychodiagnostische Gutachten“ der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (2011) abgeleitet wurden. Die Autoren kommen unter anderem zu dem Ergebnis, dass in einem großen Teil der Gutachten keine psychologischen Arbeitshypothesen formuliert wurden (56%), die verwendeten diagnostischen Verfahren nicht begründet wurden (80%) oder ausschließlich methodisch mangelhafte Verfahren verwendet wurden (35%). Die Autoren erachten diese Ergebnisse als alarmierend. Die Qualität der Gutachten hing allerdings mit der fachlichen Qualifikation der Sachverständigen zusammen. Bei Sachverständigen mit dem Zertifikat „Fachpsychologe Rechtspsychologie“ war die Qualität der Gutachten hinsichtlich der untersuchten Kriterien signifikant höher.

Die Sprechergruppe der Fachgruppe Rechtspsychologie hat bereits im Dezember 2013 im Gespräch mit den Autoren der Hagener Studie angeregt, die Studie als Targetartikel in einer psychologischen Fachzeitschrift zu veröffentlichen und alle beteiligten Gruppen (wie z.B. Experten für familienrechtspsychologische Gutachten, den Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen, die Fachgruppe Rechtspsychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, den Deutschen Richterbund) einzuladen, Kommentare zum Artikel zu verfassen und mit dem Artikel zu veröffentlichen. Wir sind der Meinung, dass dieser Weg am geeignetsten ist, einen sachlichen wissenschaftlichen Diskurs unter Beteiligung aller Interessengruppen zu führen.

Es wurde bereits von verschiedenen Seiten Kritik an der Hagener Studie geübt. So wurde z.B. eingewandt, dass eine Analyse rein formaler Kriterien zu kurz greift, um auf die Qualität der Gutachten zu schließen. Ein zentrales Problem der Studie besteht ferner darin, dass in der uns vorliegenden schriftlichen Fassung nicht berichtet wird, wie viele individuelle Gutachter in die Gutachtenstichprobe eingegangen sind. Da sich die Studie auf vier Gerichtsbezirke in NRW bezieht und die Anzahl der beteiligten Sachverständigen unklar ist, können die Ergebnisse nicht auf die Situation in ganz Deutschland generalisiert werden. Diese Einschränkung bedeutet allerdings auch nicht, dass kein Handlungsbedarf besteht und man zur Tagesordnung übergehen kann.

Salewski und Stürmer gebührt das Verdienst, dass sie mit ihrer Studie ein wichtiges Thema aufgegriffen und auf Missstände, zumindest in der untersuchten Region, hingewiesen haben. Unsachgemäße familienrechtspsychologische Sachverständigengutachten können das Leben von Kindern und Eltern in zentralen Lebensbereichen negativ beeinflussen. Allerdings war insbesondere die mediale Berichterstattung der letzten Zeit sehr einseitig. Durch das Herausgreifen von negativen Einzelfällen (z.B. in der Sendung des WDR „Mut gegen Macht“) konnte beim breiten Publikum der Eindruck entstehen, dass alle familienrechtspsychologischen Gutachten mangelhaft wären, was ganz sicher nicht der Fall ist. Es gibt viele hervorragend qualifizierte Sachverständige, die wissenschaftlich fundiert arbeiten und in sehr schwierigen familiären Problemsituationen zu guten Lösungen beitragen. Die negativen Einzelfälle sowie die Situation in den vier untersuchten Amtsgerichtsbezirken in der Hagener Studie lassen aber vermuten, dass insgesamt die Qualität der familienrechtspsychologischen Gutachten und die fachliche Qualifikation der beteiligten Sachverständigen verbessert werden sollte.

Die Sprechergruppe der Fachgruppe Rechtspsychologie empfiehlt die aktuelle Diskussion aktiv aufzugreifen und mit den relevanten Experten und Berufsgruppen (z.B. auch den Familienrichtern und -richterinnen) gemeinsam Verbesserungsvorschläge und Handlungsempfehlungen zu erarbeiten. Mögliche Ergebnisse solcher Bemühungen könnten einerseits in der Entwicklung von Mindeststandards bestehen, wie sie z.B. für die aussagepsychologische, kriminalprognostische und die Schuldfähigkeitsbegutachtung bereits existieren. Anderseits könnten Verbesserungen der universitären und außeruniversitären Aus- und Weiterbildungsangebote und -anforderungen für psychologische Sachverständige aktuellen Defiziten entgegenwirken.

Die Sprechergruppe wurde am Freitag, dem 24.10. auf einer Sitzung des Fachgremiums (für Weiterbildung in Rechtspsychologie der Föderation Deutscher Psychologenvereinigungen) darüber informiert, dass bereits in den nächsten Wochen Gespräche mit Experten sowie mit beteiligten Fach- und Berufsverbänden (einschließlich verschiedener Verbände der Richter, Anwälte, Psychiater, Psychotherapeuten, Sachverständigen) und mehreren Justizministerien stattfinden werden. Die Sprechergruppe der FG Rechtspsychologie unterstützt diese Initiative, wird sich aktiv an diesen Gesprächen beteiligen und die Fachgruppe über den Diskussionsstand informieren.

Prof. Dr. Rainer Banse, Dr. Alexander F. Schmidt und Jun.-Prof. Dr. Martin Rettenberger

Sprechergruppe der Fachgruppe Rechtspsychologie