Zur Konfundierung von Prädiktoren und Kriterien in der Psychologie
Weber, H. & Westmeyer, H.
Es bedurfte nicht erst des Aufrufs zu einer "Positiven Psychologie" im American Psychologist, um Forscherinnen und Forscher in der Psychologie zu stimulieren, sich mit der Beschreibung und Vorhersage positiver Zielzustände zu befassen. In bestimmten Teilbereichen der Psychologie, so z.B. bei der Untersuchung von Wohlbefinden und Stressbewältigung, war es schon immer ein Anliegen der Forschung herauszufinden, welche Faktoren zu positivem Befinden und gelingender Stressbewältigung beitragen. Was sich jedoch seit den 90er Jahren in diesen Bereichen verändert hat und nun auch in der "Positiven Psychologie" deutlich zum Ausdruck kommt, ist die Bevorzugung von Persönlichkeitsmerkmalen als Prädiktoren. Die Berücksichtigung situativer Faktoren und ihrer Interaktion mit personalen Faktoren in interaktionistischen Modellen ist dagegen im Vergleich zu den 70er Jahren stärker in den Hintergrund getreten.
Ein zentrales Problem der sich vor allem auf Personfaktoren stützenden
Vorhersage von positiven Zielzuständen ist die in der aktuellen Literatur immer wieder
anzutreffende Konfundierung von Prädiktoren und Kriterien, sowohl auf der Ebene der
Explikation der involvierten Konstrukte als auch auf der Ebene ihrer Operationalisierung.
Die von den jeweiligen Autorinnen und Autoren in der Regel nicht thematisierte
Prädiktor-Kriteriums-Überlappung soll in dem Positionsreferat an Beispielen aus drei
aktuellen Inhaltsbereichen aufgezeigt werden:
der Vorhersage von subjektivem Wohlbefinden auf der Grundlage von Merkmalen wie Emotionale
Stabilität, Positive Affektivität, Extraversion, Optimismus und Selbstwertgefühl;
der Vorhersage von gelingender Stressbewältigung auf der Grundlage habitueller Strategien
wie positive Umdeutung und Rumination;
der Vorhersage von Lebenserfolg auf der Grundlage solcher Intelligenzkonstrukte wie
Erfolgreiche Intelligenz und Emotionale Intelligenz.
Die Gründe für die Konfundierung von Prädiktoren und Kriterien und die damit verbundenen Probleme sind vielfältiger Natur. Zu nennen ist hier zunächst einmal der durchaus verständliche Wunsch, in Untersuchungen möglichst hohe Zusammenhänge zwischen Prädiktoren und Kriterien aufzuweisen. Dieser Wunsch geht oft einher mit einer Überschätzung der Vorhersagbarkeit der Kriterien, mit denen wir es in der Psychologie zu tun haben. Bei Prädiktoren, die keinerlei Überlappungen mit den jeweiligen Kriterien aufweisen, besteht immer die Gefahr, dass sich nur niedrige oder gar keine bedeutsamen Zusammenhänge finden lassen. In der scientific community werden niedrige Zusammenhänge nicht selten als Versagen der Forscherinnen und Forscher interpretiert statt als Beleg dafür, dass die untersuchten Faktoren zur Vorhersage bestimmter Kriterien nur einen verschwindend geringen Beitrag leisten können. Dabei entspricht es doch der Dynamik komplexer Systeme, dass ihrer Vorhersagbarkeit enge Grenzen gesetzt sind und oft erst im Nachhinein geklärt werden kann, welche Faktoren als fördernd oder hindernd in Bezug auf ein bestimmtes Kriterium, in dem in der Regel ein sehr komplexes Geschehen seinen Ausdruck findet, gelten können.
Als Grund zu nennen ist auch die Vernachlässigung der vor allem von Jan Smedslund aufgewiesenen rein begrifflichen Zusammenhänge zwischen vielen in der Psychologie behandelten Konstrukten. Aussagen, die schon aufgrund der Bedeutung der in ihnen vorkommenden Begrifflichkeiten wahr sind, werden als empirische Aussagen missverstanden und einer empirischen Überprüfung unterzogen. Das mit einer solchen Überprüfung verbundene Risiko ist gering, ein Scheitern so gut wie ausgeschlossen. Das kommt dem Wunsch nach hohen Zusammenhängen entgegen. Gerade in dieser Weise hart am Wind des common sense segelnde Ansätze gelten in der Psychologie als besonders erfolgreich.
Sieht man von der Forschung zur Vorhersage körperlicher Gesundheit ab, werden positive Zielzustände in der Regel über positives Befinden und positive Erwartungen definiert. Die Kriterien verbleiben damit im Bereich der subjektiven Konstruktion der eigenen Person und der eigenen Erfahrungen. Damit ist die Überlappung mit Persönlichkeitsmerkmalen vorprogrammiert, die ebenfalls derartige subjektive Konstruktionen zum Inhalt haben. Ein in dieser Situation auf den ersten Blick nahe liegender Wechsel zu anderen Kriterien, die sich auf gelingendes Sozialverhalten oder gar erfolgreiches Leben beziehen, kann dagegen nicht ohne Bezugnahme auf Werte oder Ideologien erfolgen. Hier stellt sich dann sofort die Frage, ob es Aufgabe der Psychologie sein kann, normative Vorgaben zu machen und so etwas wie eine Tugendlehre zu entwerfen. Nach allgemeinem Verständnis sind dafür in unserer Gesellschaft andere Disziplinen und Institutionen zuständig.
Ein weiterer Grund für Prädiktor-Kriteriums-Konfundierungen ist schließlich der Wunsch nach einer möglichst hohen ökologischen Validität. Ökologische Validität drückt sich nicht in der Enge des Zusammenhangs im Sinne der Höhe der Korrelation zwischen Prädiktor und Kriterium aus, sondern in der Ähnlichkeit der vor allem situativen Bedingungen, unter denen Prädiktor und Kriterium erfasst werden, ohne dass dabei allerdings ein klar umrissener Ähnlichkeitsbegriff zugrunde liegen würde. In diesem Sinne handelt es ich auch beim Einsatz eines komplexen Problemlöseszenarios auf der Prädiktorseite, bei dem die Testsituation zu einer Simulation der Kriteriumssituation gerät, um eine ungenügende Trennung von Prädiktor und Kriterium, wenn damit der Anspruch verbunden wird, auf der Prädiktorseite mehr zu erfassen als die spezifische Kompetenz zur Steuerung des vorgegebenen Systems. Im Übrigen gilt: Je komplexer das Szenario, je größer die Übereinstimmung mit realen Problemsituationen, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Leistungsbewertung Wertfragen aufwirft, auf die die Psychologie allein gar keine adäquaten Antworten geben kann. Überzeugender wäre es hier, die komplexen Problemlöseszenarien selbst als Kriteriumssituationen zu begreifen, die sich von realen Kriteriumssituationen dadurch unterscheiden, dass sie künstlich hergestellt und dadurch in ihrem Ablauf besser kontrolliert werden können.
Was ist zu tun, um Prädiktor-Kriteriums Konfundierungen zu vermeiden? Unerlässlich sind u.a. folgende Schritte: systematische präoperationale Explikation der Prädiktor- und Kriteriumskonstrukte, sorgfältiger Abgleich der Operationalisierungen dieser Konstrukte, gezielte Suche nach strukturellen Implikationen der Bedeutungspostulate für Prädiktor- und Kriteriumskonstrukte, Berücksichtigung der in der Regel unterschiedlichen Zuständigkeiten für die Konstruktion bzw. Definition von Prädiktor- und Kriteriumskonstrukten. Auf weitere Maßnahmen wird im Positionsreferat eingegangen.