War Gustav Theodor Fechner ein differentieller Psychologe?

 

Asendorpf, J. B.
Humboldt-Universität Berlin

Fechner war sicherlich kein differentieller Psychologe. Sein Beitrag zur Psychophysik – die Formulierung des Weber-Fechnerschen Gesetzes und dessen empirische Überprüfung – lassen sich aber gut verwenden, um die Allgemein-gültigkeit allgemeinpsychologischer Gesetzmäßigkeiten aus differen-tieller Sicht kritisch unter die Lupe zu nehmen.
Das Weber-Fechnersche Gesetz besagt, dass in typischen psychophysischen Experimenten die subjektive Empfindungsstärke E proportional zum Logarithmus der objektiven Reizintensität R ist (E = clnR). Damit war Fechner sehr zufrieden, weil es ihm scheinbar gelungen war, eine völlig allgemeingültige Beziehung zwischen "unbelebter und belebter Natur" zu finden. Das gelang ihm aber nur durch den Trick, die Reizstärke individuell zu skalieren als Vielfaches der individuellen Reizschwelle r: E = cln(R/r). Seine allgemeine Gesetzmäßigkeit enthielt damit einen versteckten Personparameter, wie wir heute sagen würden, nämlich r. Faktisch läuft das auf die allgemeinere Beziehung E = f(s,p) hinaus, in der die Empfindungsstärke E eine Funktion f eines Situationsparameters s und eines Personparameters p ist. Auch das Weber-Fechnersche Gesetz enthält also einen differentiellen Anteil.
Faktisch musste Fechner an jeder seiner wenigen Versuchspersonen, die er zur Prüfung des Gesetzes untersuchte, die individuelle Reizschwelle r bestimmen. Fechner glaubte wie die meisten seiner Zeitgenossen, sich mit wenigen Versuchs-personen zufrieden geben zu können, weil fundamentale Gesetzmäßig-keiten für alle Personen gelten und es deshalb ausreicht, sie an wenigen Personen zu bestätigen.
Dieses Vorgehen von Fechner wird dann Anlass sein zu einigen generelleren Überlegungen zur angeblichen Allgemeingültigkeit allgemeinpsychologischer Gesetzmäßigkeiten von Fech-ner bis heute.