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Die Psychologie im Jahr der Mathematik
Die Mathematik ist für die akademische Psychologie sowohl Handwerkszeug für Methodenlehre und Statistik als auch unverzichtbarer Bestandteil vieler psychologischer Fachgebiete.
Der Kognitionspsychologe Prof. Dr. Reinhold Kliegl wurde in diesem Jahr mit der Wilhelm-Wundt-Medaille für seine Forschungsleistung geehrt. In ihr ist mathematische Modellierung zentral.
Ein Rundblick durch die psychologischen Subdisziplinen zeigt die Bedeutung mathematischer Themen in der Forschung beispielhaft.
Allgemeine Psychologie
Sowohl die mathematische Modellierung biologischer und kognitiver Mechanismen als auch das „Wie“ und „Was“ der kognitiven Verarbeitung mathematischer Informationen ist ein unverzichtbarer Bestandteil dieses Fachgebietes.
- Mathematische Modellierung kognitiver und sozialer Prozesse
(Prof. Ute Bayen, Düsseldorf; Prof. Edgar Erdfelder, Mannheim; Prof. K.-C. Klauer, Freiburg; Prof. Rolf Ulrich, Tübingen) - Modellierung kognitiver Prozesse beim Lesen
(Prof. Reinhold Kliegl, Potsdam; Prof. Dr. Ralf Engbert, Potsdam) - Statistik und Wahrscheinlichkeit
(Prof. Gerd Gigerenzer, Berlin) - Mentale Repräsentation von Zahlen
(Prof. Klaus Willmes-von Hinckeldey, Aachen) - Entwicklung arithmetischer Fertigkeiten, Rechenschwäche
(Prof. Karin Landerl, Tübingen; Dr. Gabriele Ricken, Erfurt; Prof. Hans-Christoph Nürk, Salzburg)
Differentielle Psychologie und Diagnostik
In vielen Intelligenztests wird die Fähigkeit zum rechnerischen Denken gemessen, die damit einen wichtigen Teilbereich der allgemeinen Intelligenz darstellt.
- Intelligenz-Struktur-Test 2000 R (Prof. Dr. André Beauducel)
- Wilde Intelligenztest WIT-2 (Prof. Dr. Martin Kersting): http://kersting-internet.de/wit
- Berliner Intelligenzstruktur-Test: BIS-Test, Form 4 (Prof. Dr. Heinz-Martin Süß)
Entwicklungspsychologie
Die Entwicklung mathematischer Konzepte und Kompetenzen ist ein wichtiges Thema der Entwicklungspsychologie.
Die Dyskalkulie (Rechenschwäche) stellt dabei einen der Forschungsschwerpunkte dar (Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Prof. Dr. Marcus Hasselhorn).
Aber auch Simulationsversuche wären ohne die Mathematik nicht denkbar.
Pädagogische Psychologie
Als zentraler Aspekt der Allgemeinbildung stellt der Erwerb mathematischer Kompetenzen einen substantiellen Forschungsgegenstand der Pädagogischen Psychologie dar.
Hinzuweisen ist hier besonders auf folgende Forschungsprogramme:
- DFG-Schwerpunktprogramm "Bildungsqualität von Schule (BIQUA)".
- DFG-Schwerpunktprogramm "Kompetenzmodelle zur Erfassung individueller Lernergebnisse und zur Bilanzierung von Bildungsprozessen"
- BMBF-Forschungsprogramm "Neurowissenschaften, Instruktion und Lernen (NIL)"
Sozialpsychologie
Eine entscheidende Rolle spielt die Mathematik bei allen Entscheidungsfindungsprozessen (Heuristics and Biases) und den subjektiven Wahrscheinlichkeiten (subjective probabilities), die Menschen dabei heranziehen.
Ein bekanntes Phänomen stellt z.B. die Basisratenvernachlässigung dar.
Mathematische Psychologie
Die Mathematik ist integraler Bestandteil des eigenständigen Faches Mathematische Psychologie. In diesem Fach werden psychologische Theorien mit Hilfe mathematischer Beziehungen ausgedrückt, z.B. durch die Formulierung formaler Modelle kognitiver Prozesse und den Einsatz von Computersimulationen (Adele Diederich, Erich Weichselgartner).
Mathematische Psychologie wird im Rahmen der forschungsorientierten Vertiefung u.a. in Chemnitz und in Düsseldorf gelehrt. Weitere Informationen zur Mathematischen Psychologie (Mathematical Psychology) mit Literaturhinweisen u.v.m. finden sich unter http://www.zpid.de/index.php?wahl=news&uwahl=news241.
Geschichte der Psychologie
Lange Zeit galten psychische Phänomene einerseits und Maß, Zahl und Formelwerk andererseits als miteinander inkommensurabel. Die Mathematik spielt aber seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine zentrale Rolle bei der Entstehung der neuen experimentellen Psychologie.
Mathematisierungen bezüglich der Funktionsweise der Sinnesorgane bzw. des Gedächtnisses wurden um 1860 von G.T. Fechner und in seiner Tradition um 1880 von H. Ebbinghaus vorgelegt. Fechner hatte in seiner Psychophysik u.a. von der Infinitesimalrechnung sowie der Gausschen Fehlerrechnung Gebrauch gemacht, Ebbinghaus griff in seinen Gedächtnisstudien vornehmlich auf bevölkerungsstatistische Prozeduren von Lexis zurück. Danach kamen in rascher Folge erfolgreiche objektspezifische Metrisierungen und Mathematisierungen weiterer, sogenannter höherer psychischer Phänomene wie z.B. Emotion, Wille, Denken, Kognition, Lernen, Motivation und nicht zuletzt Fähigkeits- und Persönlichkeitsmessung hinzu.






